„Digital könnten wir doch auch kleine Inhaltsbausteine verkaufen, statt immer nur ganze Bücher und Zeitschriften nachzumachen. Dann könnten sich die Kunden ihre Informationen nach Bedarf selbst zusammenstellen.“
Der Gedanke ist so alt wie ich mich fühle, wenn ich darüber nachdenke, wie lange ich schon digitale Fachinformationen mache. Technisch ermöglichen wir das schon ewig. Praktiziert wird es auch nach gut 30 Jahren (argh) nur selten.
Die Gründe sind vielfältig. Das Selbstverständnis vieler Verlagsmenschen und nicht zuletzt auch der (Fach-)Autoren spielt eine große Rolle, ebenso wie die Tatsache, dass es viel anstrengender ist, komplett neue Produkt- und Geschäftsmodelle einzuführen, als das Altbewährte in neue Schläuche zu füllen.
Das gilt nicht nur für die Anbieterseite – auch Kunden und Benutzer tun sich grundsätzlich mit bekannten Konzepten leichter als mit neuen Freiheiten und Komplexitäten. Dass dieser Gedanke jedoch mit Vorsicht zu genießen ist, haben wahrhaft disruptive Produkte in den letzten Jahren immer wieder gezeigt. Echter praktischer Nutzen bringt auch die größten Gewohnheitstiere in Bewegung. Manchmal reicht auch ein neues, tolles Nutzungserlebnis.
Generative AI ist ein Musterbeispiel dafür. AI Chatbots versprechen einen ganz neuen, intuitiven Zugang zu Information und Wissen. Genau das haben sich Fachverlage für ihre Digitalpublikationen schon immer gewünscht. Der Satz „Es wäre doch schön, wenn man einfach fragen und eine Antwort bekommen könnte, statt mit Suchmasken und Trefferlisten zu hantieren“ ist genauso alt wie die Sache mit dem Verkauf kleiner Inhaltsgranulate.
Das geht jetzt. Und das ist ein Problem. Denn, zu Ende gedacht, bedeutet das ja „es wäre doch schön, wenn ich einfach eine Antwort bekommen könnte, ohne das blöde Buch lesen zu müssen“.
Was uns zum Eingangsthema zurückführt. Wenn Fachverlage ihren Kunden ernsthaft das Nutzungserlebnis von ChatGTP & Co. bieten, Ihre Produkte aber weiterhin als Buch, Zeitschrift oder Loseblattwerk (jawollja) denken wollen, dann sollten sie Geodreiecke und Zirkel bei Amazon im Abo bestellen, denn mit der Quadratur eines Kreises allein ist das nicht getan.
Hochwertiger Inhalt bleibt auch im AI-Zeitalter König, ohne den auch das beste LLM keine brauchbare Auskunft geben kann. In welchen Zuschnitten und mit welcher Prominenz diese Inhalte künftig noch bei den Nutzern ankommen werden, ist aber ebenso offen wie die Frage, was genau Fachverlage ihren Kunden künftig in Rechnung stellen werden und wie man Fachautoren motivieren kann, statt Büchern Chatbotfutter zu schreiben.
Soll die Transformation eines Fachverlags vom Inhalts- zum Informationsanbieter wirklich stattfinden, dann kann kein Stein auf dem anderen bleiben. Umso wichtiger sind dabei Technologiepartner mit Branchenkenntnis, die helfen können, aus diesen Steinen eine Brücke in die neue Welt zu bauen. Was nicht nur eine schöne Metapher, sondern auch ein prächtiger Zaunpfahl ist, mit dem ich winkend verbleibe.
Ihr Carsten Oberscheid

