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Wo bleiben wir, wenn die Blase platzt?

Eine Seifenblase

Nach knapp drei Jahren unerbittlichen Hypes, der vor keinem Heils- und Erlösungsversprechen zurückschreckt, rückt mit dem Begriff der „AI Bubble“ eine andere Sicht auf die KI-Wirtschaft in den Vordergrund.

Die Dominanz der KI-Giganten vor allem im amerikanischen Kapitalmarkt, resultierend aus den genannten Heilsversprechen, gepaart mit ihrer weitgehenden Unfähigkeit, auch nur annähernd adäquate wirtschaftliche Ergebnisse zu erzielen und der Tatsache, dass letzteres angesichts der tatsächlichen Leistungsfähigkeit ihrer Produkte niemanden ernsthaft wundern kann, legt Vergleiche mit früheren Finanzblasen nahe.

Die Marktkapitalisierung der führenden KI-Unternehmen liegt heute in der gleichen Größenordnung, die beim dotcom-Crash und beim Platzen der Lehmanns-Blase vernichtet wurde. Im Vergleich zu diesen finanzhistorischen Großereignissen ist aber Zahl der Unternehmen, auf die sich die Investitionen konzentrieren, diesmal viel kleiner.

Dafür ist die Diskrepanz zwischen Versprechen und Wirklichkeit umso größer. Ebenso der akute Geldbedarf der Branche – ständiger Nachschub an Hardware, unfaßbare Mengen an Energie und nicht zuletzt Rekordvergütungen für einige der unappetitlichsten Gestalten unter der Sonne wollen schließlich bezahlt werden.

Da kann ja nix schiefgehen. Dass der einzige im KI-Goldrausch akut profitable Laden mit NVIDIA der Lieferant der Schaufeln ist, die von den defizitären Goldgräbern teuer gekauft werden müssen, darf man am Rande als weiteren historischen Blasenbezug durchaus goutieren.

Aber was bedeutet das für uns? Für uns persönlich, die wir – auch als ausgesprochene Skeptiker – KI im Alltag nutzen? Für unsere Unternehmen und unsere Produkte, in die wir KI-Funktionen immer tiefer integrieren? Was passiert, wenn die Blase platzt?

Es ist ja nicht alles schlecht (autsch!). LLM-basierte Systeme können in vielen Anwendungsszenarien sehr hilfreich und produktivitätssteigernd eingesetzt werden.

Zwar kann auch in unserem Dunstkreis der Fachverlage bei der Integration von KI in kommerzielle Produkte die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle ebensowenig mit der technischen Entwicklung Schritt halten wie bei der KI-Prominenz. Aber die Uhr zurückdrehen auf fünf vor ChatGTP will man auch nicht wirklich. Die Marktkapitalisierung der führenden KI-Unternehmen mit der Dotcom- und der Lehmans-Blase zu vergleichen, ist mit KI-Hilfe deutlich einfacher als mit der Google-Suche von 2022, selbst wenn man die KI-Auskünfte anschließend noch überprüft.

Also: Was passiert, wenn die KI-Blase platzt? Verschwinden dann die GTPs und die Copiloten wieder von der Bildfläche? Müssen wir dann alle wieder selber denken?

Keine Sorge. Müssen wir nicht.

face with rolling eyes

Schon gut. Selbstverständlich müssen wir, wie immer und auch jetzt.

Aber: Die Informatik, die den heutigen KI-Systemen zugrunde liegt, ist nicht proprietär. Natürlich haben OpenAI & Co. einen Vorsprung. Der liegt aber weit überwiegend in den gigantischen Ressourcen, die sie für den Betrieb ihrer Systeme aufwenden können. Damit können kleinere Anbieter und erst recht lokale Installationen, die man selbst in seiner eigenen Infrastruktur betreiben kann, nicht mithalten.

Entscheidend ist aber, dass es kleinere Anbieter gibt und dass es grundsätzlich möglich ist, LLMs lokal selbst zu betreiben. Technischer Fortschritt in der IT bedeutet stetig steigende Leistung bei stetig sinkendem Ressourcenbedarf. Das können wir bis auf Weiteres als Naturgesetz ansehen, Moore’s Law hin oder her. Die „kleinen“ KI-Alternativen, die nicht zur kritischen Masse internationaler Finanzmärkte gehören, werden bleiben und sie werden immer besser werden.

Wie also stellen wir uns auf für den Fall, dass die AI Bubble implodiert?

Ratsam ist, Abhängigkeiten von der Blase zu minimieren und Ausweichmöglichkeiten parat zu haben. Zumindest zu prüfen, welche Ziele man auch mit einem kleineren, idealerweise hiesigen Anbieter oder gar mit eigenen Ressourcen erreichen kann, sollte jeder, der KI irgendwie geschäftskritisch einsetzt, weit oben auf der Todo-Liste haben.

Aber damit nicht genug. Alternative Anbieter, denen man zutraut, einen potentiellen KI-Crash zu überleben, nicht nur als Plan B auf dem Zettel zu haben, sondern jetzt schon mit Umsatz zu beglücken, ist praktizierter Eigennutz.

Um nochmal eine Analogie zu bemühen: Wenn man so lange nur bei Amazon kauft, bis der gesamte sonstige Einzelhandel im Eimer ist, steht man mit der Erkenntnis, dass man Herrn Bezos aus Gründen kein Geld mehr geben möchte, ziemlich dumm da. Dazu sollten wir es nicht kommen lassen.

Also: Buy local. Auch die KI. Gegen das Oligopol. Für das Leben nach dem Knall.

Ihr Carsten Oberscheid

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